Es gibt diese Tage im Sommer, an denen man morgens schon spürt: Heute könnte etwas Besonderes passieren. Nicht unbedingt etwas Großes – aber etwas, das sich nach Abenteuer anfühlt.
Schon lange wollten wir unsere selbst aufgebauten Ginkgo-Rahmen endlich mal auf einer längeren Strecke testen. Nicht nur ein paar Kilometer hier und da, sondern wirklich eine Tour, bei der man am Ende sagen kann: Okay, das war echt eine Reise.
Und weil Urlaubstage knapp sind, haben wir uns gedacht: Warum nicht einfach Arbeit und Spaß kombinieren? Die Eurobike in Frankfurt stand sowieso an. Also entstand diese Idee, die im Kopf erst mal genial klingt:
Mit dem Rad nach Frankfurt.
Die Nacht davor: Taschen, Snacks und Vorfreude
Am Abend vor der Tour lag dieses typische Gefühl in der Luft. Dieses leise Kribbeln, das man immer hat, wenn man weiß: Morgen geht es los.
Wir packten unsere Sachen aufs Rad – alles, was man für ein paar Tage Messe braucht, aber eben auch das, was man auf so einer Strecke nicht unterschätzen darf: Essen.
Riegel, Snacks, alles, was schnell Energie gibt. Denn wir wussten ja nicht, wie der Tag werden würde.
Ein Start mitten in der Nacht
Als der Wecker um 3:00 Uhr klingelte, war es noch komplett dunkel.
4:39 Uhr.
Eigentlich eine Uhrzeit, die nicht existieren sollte – außer man fährt mit dem Rad über 200 Kilometer.
Aber es sollte heiß werden, und wir wollten so viel Strecke wie möglich schaffen, bevor die Sonne richtig loslegt. Also rollten wir los, noch ein bisschen verschlafen, aber mit dieser Aufbruchsstimmung, die einen plötzlich wach macht.
Die ersten Kilometer waren allerdings… zäh.
Stolberg, Eschweiler und Düren am Morgen bedeutet eben auch Berufsverkehr, Schüler, Straßen, die nicht für Fahrräder gemacht sind. Man kämpft sich durch, tritt sich ein, und irgendwann fragt man sich kurz, ob das wirklich eine gute Idee war.
Supermarktfrühstück und der erste kleine Tiefpunkt
Gegen 8 Uhr machten wir Pause in Erftstadt.
Supermarkt. Hinsetzen. Durchatmen.
Und ein Schokocroissant, das in dem Moment wirklich mehr war als nur ein Snack – eher so etwas wie ein kleines Versprechen: Es wird schon irgendwie gehen.
Der Rhein – und die große Ernüchterung
Als wir nach etwas über 85 Kilometern gegen ca. 10 Uhr Bonn erreichten und endlich an der Rheinpromenade standen, war da wieder dieses Hochgefühl.
Der Rhein. Endlich.
Den ganzen Morgen hatten wir uns darauf gefreut, weil man irgendwie denkt: Ab jetzt wird es leichter. Ab jetzt fährt man einfach am Wasser entlang, schöne Wege, entspannt.
Aber die Realität war… anders.
Der Rheinradweg ist nicht schlecht, aber er ist auch nicht dieses durchgehend idyllische Band, das man sich vorstellt. Mal wird es eng, mal holprig, mal passt der Untergrund so gar nicht zu einem steifen Alu-Lastenrad mit Rennradreifen. Und manchmal fragt man sich sogar, warum der Weg plötzlich gar nicht mehr am Rhein entlangführt.
Dazu kommen diese Promenaden in kleinen Orten, wo man absteigen muss, weil man offiziell nur noch Fußgängerzone ist.
Es war enttäuschend – gerade weil man vorher so oft gehört hatte, wie toll diese Strecke sein soll.
Hitze, Erschöpfung und die Idee mit dem Zug
Mittags in Bad Breisig merkte ich langsam, dass meine Energie wegbricht.
Ich habe Lipödem, eine chronische Fettverteilungsstörung, und an manchen Tagen bedeutet das einfach: weniger Kraft, schneller am Limit, obwohl der Kopf eigentlich weiter will.
Wir standen am Supermarkt und überlegten: Was jetzt?
Die naheliegende Lösung: Zug.
Aber leider wurden wir aufgrund von zahlreichen Ausfällen und entsprechend dadurch überfüllten anderen Zügen nicht mitgenommen.
Also blieb nur die Option, die man in solchen Momenten nicht unbedingt hören will:
Weiterfahren.
Und es ging irgendwie. Nicht schön, nicht leicht – aber Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer.
Manchmal wird man unterwegs belohnt
Und genau das ist das Verrückte an solchen Tagen:
Wenn man denkt, es geht nicht mehr, passiert plötzlich etwas Kleines, das alles verändert.
Eine Stunde später entdeckten wir einen Stand im Feld. Kirschen. Apfelsaft. So simpel, so perfekt.
Dieser Moment hat uns den Tag gerettet.
Nicht, weil plötzlich alles einfach war, sondern weil man wieder gemerkt hat: Genau dafür macht man das.
Koblenz: Akku leer, aber geschafft
Als wir am späten Nachmittag Koblenz erreichten, waren wir wirklich durch.
Kurz vor 17 Uhr am Bahnhof. Komplett leer.
Und diesmal hatten wir Glück: Wir kamen mit den Rädern in den Zug.
Die letzten Kilometer nach Frankfurt fuhren wir deshalb sitzend, erschöpft, aber auch ein bisschen stolz.
Fazit: Nicht perfekt geplant, aber genau deshalb unvergesslich
Am Ende standen 150 Kilometer auf dem Tacho, Schnitt 18,7 km/h.
Für ein Bio-Lastenrad ist das wirklich nicht schlecht.
War es eine Schnapsidee?
Vielleicht.
Aber ich möchte diese Tour trotzdem nicht missen.
Weil man auf solchen Fahrten immer etwas mitnimmt. Über sich selbst. Über den anderen. Und über diese kleinen Begegnungen am Wegesrand, die man nie geplant hätte.
Und manchmal ist genau das der Grund, warum man überhaupt losfährt.